Indische Trommelkunst
Von admin | 11. Dezember 2009 | Kategorie: Leadartikel, Nachrichten | Keine Kommentare »Nach vielen Überlegungen und jahrelangem Flirt mit der indischen Musik und ihrer Rhythmik, die ich für die komplexeste der Welt halte, fuhr ich im Sommer 2009 endlich einmal ins Land meiner Wünsche und ließ mich in Madras (jetzt Chennai) auf der bengalischen Seite Indiens und Trivandrum auf der arabischen Küstenseite für einige Wochen nieder, um die südindische Musikkultur live zu erfahren. Die südindische klassische Musik wird geprägt durch eines der anspruchvollsten rhythmischen Systeme. Das Zusammenspiel von Rhythmus und Melodie in diesem Lande ist einzigartig und ermöglicht den Aufbau schwer nachzuvollziehender musikalischer Spannungsbögen. Die rhythmischen Improvisationsmöglichkeiten scheinen für westliche Ohren nahezu unbegrenzt innerhalb dieser Strukturen zu sein. Erfahrene indische Perkussionisten tummeln sich hier in Taktschemata bis 98 Schlägen …
Ein Ensemble besteht aus dem „Leader“, meistens einem Sänger oder einem Instrumentalisten. Dieser bestimmt auch das Konzertprogramm. Dennoch haben die Begleitmusiker als Solisten große Freiräume, da die Improvisation, ähnlich unseren Jazz- oder Fusionensembles, auch in Südindien einen wichtigen Bestanteil der Musik bildet. Konzertprogramme werden, ebenfalls wie im Jazz, selten bis ins Detail im Voraus festgelegt – und da erfahrene Virtuosen, eine weitere Übereinstimmung mit der amerikanischen Jazzmusik, mit den allermeisten dortigen Musikstrukturen perfekt umzugehen in der Lage sind, kommt es durchaus des Öfteren vor, dass sich Musiker auf der Bühne zum ersten Mal begegnen.

Eine Melodie- und eine Rhythmusformation bilden die Basisorchestrierung einer südindischen Musikgruppe. Gesang, Violine, Flöte oder Laute sind dabei die Melodieträger. Rhythmusgruppen bestehen aus zwei bis vier Perkussionisten: Mridangam (Doppelfelltrommel – vor dem Körper gespielt), Ghatam (Tontopf), Kanjira (kleine Rahmentrommel mit Eidechsenfell) und Maultrommel. Ungerade Takte und rhythmische Schlagfiguren, zum Beispiel 5er, 7er, 9er oder auch 15er, 21er, werden hier von Melodiemusikern und von Perkussionisten auf virtuoseste Art gehandhabt. Muktayams (auf Tamil Korvai), ein mehrteiliges Muster in beliebiger Länge, wird gerne gespielt, das nicht dem Puls der Musik folgt, sondern den Puls mit unregelmäßigen Akzenten überlagert und abschließend zur Eins führt, sowie dem Korapu, einem Muster, das sich systematisch verringert.
Heutzutage kann man sich allerdings, will man sich intensiver mit solcher Art von „global world music“ auseinandersetzen, über das Internet genügend Adressen und Anregungen beschaffen, die einen auf die eine oder andere Art dieser hochkomplexen Musik näher bringen. Nichtsdestotrotz sind jahrelanges Hören und Üben vonnöten, wollte man auch nur die Grundmuster dieser Musik beherrschen lernen …
Meine Reise nach Indien war jedenfalls sehr lehrreich und informativ. Ich kann nur jedem, der sich für indische Klänge interessiert, raten, einmal eine solche Exkursion zu unternehmen, um auch das Umfeld zu studieren, das diese Musik mit hervorgebracht hat …
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